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-Kriminell spannend-

Verena Wilmes

Kurzgeschichte:
Feiertag

Der Geruch nach Grillkohle zog durch die Nachbarschaft. Kinder quäkten, Erwachsene lachten. Die Sonne hatte den Frühling mit dem Sommer verwechselt und schien an diesem Feiertag besonders kräftig von einem wolkenlos blauen Himmel. Im Radio wurde das Feiertagswetter bejubelt, als gäbe es nichts Wichtigeres. Nur gelegentlich fuhr ein Auto vorbei. Die gesamte Nachbarschaft genoss ihr bürgerliches Leben, die wohlverdiente Pause vom sonst so stressigen Arbeitsalltag. Und der Gedanke, dass Paula eine von ihnen war, quälte sie.

Sie saß im Garten mit einer Tasse Cappuccino aus ihrer sündhaft teuren Kaffeemaschine und lauschte dem Treiben im Garten ihrer Nachbarin, dass das Kreischen des Mäusebussards übertönte. Von all ihren Nachbarn konnte sie Barbara, ihren Mann Peter und die Kinder Freddy und Marie am wenigsten leiden.

Barbara, blond, riesige Brille, schreckliche Stimme und die typische Figur einer Mutter in ihren Vierzigern, hegte und pflegte ihren Garten und teilte Bilder davon und ihrem Familienleben auf Instagram. Sie hatte einen unwichtigen und nutzlosen Job in einer großen Firma, der sie albernerweise als Managerin für irgendwelche Transformationsprozesse auswies, nach Fantasie klang und ihr dennoch das Gefühl gab, sie tat etwas Interessantes. Generell teilte sie gerne all ihre Sorgen und Gedanken, als ginge sie wirklich davon aus, dass etwas Wichtiges dabei wäre. Ihr Mann Peter war ein schlanker Glatzkopf, der viel Geld geerbt hatte und noch mehr in seinem eventuell nützlichen Job als Ingenieur oder etwas Ähnliches verdiente. Natürlich in derselben Firma wie seine Frau.

Er grillte, mochte Rockmusik und Fußball und war schon allein dadurch etwas Interessanter als seine Frau, dass er nicht so mitteilungsbedürftig war. Er wirkte eher wie der typische Schulnerd, der nie viel Ahnung von sozialem Kontakt gehabt hatte und sich an die erstbeste Frau geklammert hatte, die ihn rangelassen hatte.

Jedes Jahr im Spätsommer flogen sie drei Wochen in den Italienurlaub, in den Osterferien unternahmen sie einen Städtetrip und die Geburtstage der Kinder waren aufwendig dekoriert und minutiös durchgeplant. Dazu hatten beide entsetzlich große Familien, die sie viel zu oft zu sich einluden. So natürlich auch an diesem Feiertag.

Doch mitten im trügerischen Familientrubel hörte Paula plötzlich Peters Stimme auf der anderen Seite der Hecke. „Wir wissen nicht, wo sie ist. Sie wird vermisst“, raunte er. Eine männliche Stimme antwortete: „Hat sie denn gar nichts zu dir gesagt? Ich meine, ihr wart doch …“

„Nicht hier!“, zischte Peter hastig. „Das war eine einmalige Sache. Und Babs soll das nicht mitbekommen.“ Babs. Ein grauenvoller Spitzname. Vielleicht nervte seine Frau ihn ja auch.

„Ist ja gut. Also was meinst du? Wohin hast du sie mit eurem One-Night-Stand vertrieben?“

„Lass das!“

Lachen ertönte. „Der Klassiker! Mit dem Kindermädchen.“

Als das Lachen erstarb, sagte Peter: „Vielleicht ist sie ihrem Ex-Freund nach Spanien nachgereist. Ihre Eltern und Freunde konnten ihn nie leiden. Vielleicht hat sie deshalb niemandem Bescheid gesagt.“

Natürlich hatten sie auch eine zwanzigjährige aus dem Nachbarort, die gelegentlich auf die Kinder aufgepasst hatte. Paula wurde erst in diesem Moment bewusst, dass sie das Kindermädchen zuletzt vor zwei Wochen gesehen hatte.

Es war ein verregneter, kühler Frühlingsabend gewesen, ein Grollen am Himmel hatte ein Gewitter angekündigt, als Paula von der Arbeit gekommen war. Das junge Mädchen hatte ihr zugewunken, als sie hektisch zur Haustür gesprintet war. Paula liebte es bei Gewitter zu zeichnen.

Sie hatte sich in ihr Zeichenzimmer gesetzt, dessen Fenster zur Straße ging. Bei einem heißen Tee hatte sie eine Karikatur ihres Chefs gezeichnet, als plötzlich Barbaras Auto ohne Licht durch den Regen vorgefahren war. Paula hatte sie ins Haus eilen sehen und sich gewundert. Insbesondere, weil das Auto fast eine Stunde vor der Tür gestanden hatte. Erst als Paula ins Bett hatte gehen wollen und den Rollladen herabgelassen hatte, hatte sie Barbara etwas Unförmiges, Großes in den Kofferraum schleppen sehen. Paula hatte nicht weiter darüber nachgedacht.

Schließlich war das Auto des jungen Mädchens am nächsten Tag verschwunden gewesen. Aber an diesem viel zu heißen Nachmittag fragte Paula sich, ob Barbara das Mädchen vielleicht in den Keller gelockt und erschlagen hatte, während ihre Kinder oben geschlafen hatten. Paula stellte sich vor, wie Barbara vorgab, ihr einen guten Jahrgangswein schenken zu wollen und ihr dann einen Billigwein über den Kopf zog. Wahrscheinlich Rotwein, damit sie eventuell zurückbleibende Blutflecken erklären könnte. Paula stellte sich vor, dass sie die Leiche in einen Fluss geworfen und ihr Auto irgendwo gut versteckt hatte. Vielleicht schluckte sie seitdem Tabletten, um das Geschehen zu verdrängen. Um zu akzeptieren, dass sie ihr Bett mit einem Betrüger teilte.

Paulas Hand hatte ihre Gedanken mitgezeichnet. Sie brauchte einen zweiten Cappuccino. Als sie aufstand, wurde ihr bewusst, dass der Trubel im Garten nebenan aufgehört hatte. Die Gäste waren gegangen, die Sonne hinter den Bäumen versunken. Die Vögel eroberten den Garten zurück. Als Paula mit ihrem heißen Cappuccino zurück in den Garten trat, erstarrte sie.

Barbara stand mit einem Stück Torte in der Hand an ihrem Liegestuhl – und betrachtete die Zeichnung, die Paula von ihrem Mord im Stile eines Comics angefertigt hatte. Der Geruch eines Joints wehte durch die abgekühlte Luft des Frühabends.

„Oh, Barbara … Was … Was machst du denn hier?“ Wie in Zeitlupe sah Barbara auf. Und für einen Augenblick sah Paula die Wahrheit in ihrem Gesicht. Ihr Herz raste. Dann verzog Paula ihr Gesicht zu einem Lächeln. Doch es ließ ihr Gesicht nicht wie sonst freundlich aussehen, sondern wie eine diabolische Grimasse. Erst in diesem Moment sah Paula das gigantische Tortenmesser in ihrer anderen Hand.

„Ich denke, wir sollten reingehen.“

„Barbara nein, das …“

Sie hob das Messer und ging auf Paula zu. „Beweg dich, Bitch!“

„Nein, bitte!“

Paula stolperte im Rückwärtsgehen und landete auf dem Rücken, den heißen Kaffee schüttete sie sich über, doch sie nahm den Schmerz kaum wahr. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf das näherkommende Messer und begann zu schreien.

 

„Paula? Paula!“ Paula öffnete ihre Augen. Es war heiß, die Sonne schien ihr ins Gesicht. Es war laut. Im Garten nebenan kreischten Kinder. Und direkt über ihr, sah sie Barbaras Gesicht. Sie schob ihre Brille auf die Nase und sagte: „Hattest du einen Albtraum? Du hast so laut geschrien, dass wir das drüben gehört haben.“

Benommen setzte Paula sich auf. Sie hatte sich die Reste ihres Cappuccinos übergeschüttet. „Ich bin eingeschlafen?“

Barbara nickte und lächelte freundlich. „Möchtest du vielleicht drüben Kaffee und Kuchen mitessen? Wir haben noch genug übrig.“

Verwirrt griff Paula nach ihrem Zeichenblock. Sie hatte nichts gezeichnet. „Ja, ja gerne.“ Sie nickte. „Aber ich muss dich vorher etwas fragen. Wo ist euer Kindermädchen?“

„Was?“

Heldinnen - Erzählung

Die weißen Lilien verströmen ihrem Duft im ganzen Raum. Die Pullover riechen noch nach ihr, nach ihrem Waschmittel. Es herrscht Chaos, um mich herum und in mir. Und in meinem Kopf sind all diese Geschichten.

Ihre Geschichten.

Wir alle haben unsere Geschichten. Einen Teil davon erzählen wir selbst, einen anderen Teil erzählen andere. Ich bin dankbar, dass ich in ihren Geschichten vorkommen darf, dass ich in ihren Geschichten eine Hauptrolle habe. Schließlich fließt ihr Blut in meinen Adern.

Sie waren die stärksten Frauen, die ich kenne. Gott gibt den Stärksten die schwersten Aufgaben. Und sie haben jede angenommen, sie haben sich immer gestellt. Sie haben dem Schicksal die Stirn geboten, als es auf sie eingeprügelt hat, sie haben auf sich allein gestellt gekämpft, sie haben Krankheiten überwunden. Nur sich selbst konnten sie nicht besiegen.

Sie haben nicht immer das „Richtige“ getan, aber sie haben immer getan, was sie für richtig hielten, was sie für das Beste hielten. Sie haben sich nicht reinreden lassen. Starke Frauen warten nicht auf Erlaubnis, ihren Willen durchzusetzen. Ihr Mut, ihre Intelligenz, ihre Haltung und ihre Leben werden mir für immer ein Vorbild und ein Wegweiser sein. Auf eine seltsame Art fühle ich mich allein und weiß dennoch, dass ich dafür bereit bin. Ich bin bereit, aus ihren Fehlern zu lernen und die Geschichte weiterzuschreiben. Sie haben mir alles gegeben, was ich dafür brauche. Schließlich waren sie Kämpfernaturen, Naturgewalten, und sie werden es noch sein, wo auch immer sie jetzt sind. Sie sind jetzt wieder vereint. Ich kann mir keine besseren Verbündeten vorstellen. Mögen sie mir weiterhin alles mitgeben, was ich brauche.

Ich bin dankbar, für all ihre Geschichten. Für die Zeit, die wir gemeinsam hatten und die Geschichten, die wir geteilt haben.

Elizabeth und Julia erzählen noch immer ihre Geschichten. Wort für Wort, Satz für Satz, Buch für Buch. So unterschiedlich wie sie sind, eint sie die Liebe zum Schreiben, so unterschiedlich sie sind, vereinen sie die zwei Herzen in meiner Brust. Die analytische, disziplinierte Seite, kopflastig und akkurat. Härter zu mir selbst als zu jedem anderen. Die rationale Seite. Die Stimme, die sich in mir erheben will, um die Welt anzuklagen. Die Seite, die den Stift als Waffe benutzen will. Ich bewundere Elizabeth für all das. Ich will erreichen, was sie erreicht hat und noch mehr. Sie hat sich einen Pfad geschlagen, sie hat Fußabdrücke hinterlassen.

Ohne Julia würde ich diese andere Seite in mir vernachlässigen. Julia lehrt mich, gut zu mir selbst zu sein, meine Kunst und mich zu pflegen, mich nicht als Maschine zu sehen. Sie zeigt mir meine Spiritualität, erinnert mich an das, was ich weiß, aber tief in mir begraben habe. Sie hat mir wieder Hoffnung und Glauben gegeben. Sie hat mich wieder gelehrt, auf mein Herz und meine Leidenschaft zu vertrauen. Dank ihr, denke ich beim Schreiben zuerst an mich. Elizabeth und Julia sind Lehrerinnen, Mentorinnen. Sie geben mir Werkzeug an die Hand, mit denen ich meinen eigenen Weg gehen kann. Ihre Leben inspirieren mich.

Patricia hat ihre Geschichte festgehalten in unzähligen Notizbüchern neben ihrer Arbeit. Sie wird heute von Fremden interpretiert und erzählt. Es ist eine besondere Geschichte, in der ich mich manchmal mit Schrecken wiedererkenne. Patricia war nicht immer heldenhaft. Aber sie hatte den Mut zu sich selbst zu stehen. Ich fühle, was sie geschrieben hat. Sie hat meine universelle Sprache gesprochen. Sie war die erste, die der Liebe eine Geschichte gab. Die großartigste Liebesgeschichte der Welt. Auch wenn sie selbst diese Geschichte nie fand. Ich will beides.

Je mehr ich schreibe, desto mehr Namen und Geschichten von meinen Heldinnen kommen mir in den Sinn. Manche sind so groß, andere sind so klein. Aber sie alle haben mich etwas gelehrt. Sie alle beweisen mit ihren Leben und Handlungen, dass wir nicht perfekt sein müssen. Wir brauchen nicht den perfekten Start, wir dürfen Fehler machen, „falsch“ sein, Schlimmes erlebt haben. Wir können widersprüchlich sein. Nichts von diesen Etiketten bestimmt, zu was wir fähig sind, was wir erreichen können, was ein Leben ausmacht. Wie stark wir wirklich sind.

All diese Frauen sind wie Scheinwerfer in der Nacht und Wegweiser an großen Kreuzungen. Ihr habt mir gezeigt was möglich ist. Was Liebe ist. Ihr seid ein Teil meiner Geschichte. Ein der Säulen auf denen mein Leben steht. Ich hoffe, dass ich ein Teil eurer Geschichte bin.

Spiegel - Essay

Ich suche mir aus, wer mich beleidigen kann. Ich suche mir aus, wer mich verletzten kann.

Manchmal wäre es schön, wenn es so leicht wäre. Wenn uns die Worte und Meinungen von Fremden oder manchmal auch von Freunden und Familie zu uns oder über etwas, das wir getan haben, nicht wehtun würden. Es wäre schön, Zurückweisung und verletzte Gefühle nicht persönlich zu nehmen. Nicht als einen Fingerzeig, dass wir als Mensch abgelehnt werden, dass mit uns etwas nicht stimmt, dass wir uns ändern sollten. Das wir der Fehler hier sind.

Manche sagen vielleicht, das ist nicht möglich, weil es nun mal persönlich ist, wenn wir verletzt, abgelehnt, enttäuscht oder beleidigt werden. Dass es etwas mit uns zu tun hat und dass wir mit der gleichen Härte und Ablehnung darauf reagieren müssen. Es tut schließlich weh, so behandelt zu werden. Von Menschen aus unserem innersten Kreis ganz besonders. Es tut weh, wenn Vertrauen erschüttert und gebrochen wird. Es tut weh, einen Tritt in den Hintern zu bekommen, wenn wir offen und verletzlich sind. Also Auge um Auge, Zahn um Zahn. Gleiches mit Gleichem vergelten, Zurückschlagen.

Aber wir haben die Wahl, ob wir es persönlich nehmen oder nicht. Wir haben die Wahl, wie wir darauf reagieren. Wir können entscheiden, die Handlungen und Worte von anderen Menschen an uns vorbeiziehen zu lassen. Wir müssen uns nicht von allem den Tag versauen lassen, dass in unsere Richtung geworfen wird. Wir müssen nicht auf alles reagieren. Das Verhalten anderer Menschen sagt viel mehr über diese Menschen aus, als es über uns etwas aussagt.

Es ist menschlich, trotzdem verletzt zu sein. Es ist verständlich.

Aber es ist niemals eine Aufforderung, uns selbst oder unsere Persönlichkeit zu ändern. In Groll und Selbstmitleid zu versinken. Die andere Person zu bestrafen. Wir können auch wieder in die Arena steigen und verletzlich sein und für das kämpfen, was wir persönlich für richtig halten, für das was unser Herz möchte.

Wir können entscheiden, ob wir mit unserer Reaktion all jenen, die uns verlieren sehen wollen, einen sehr unangenehmen Spiegel vorhalten.

Der nächste Newsletter erscheint am: 18. September 2026

Verena Wilmes

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